VON JULIA VON GRÜNBERG
Erste Hierka am 4. Oktober in der Kirche Hohenofen
Während sich im Raum der Kirche Hohenofen die schwebenden Besen von Anke Meixner bewegen, die Vulven aus Filz von Petra Walter-Moll auf dem Altar liegen, die fliegenden Blätter von Ute Fürstenberg im Kirchenraum schweben, machen am 4. Oktober 2025 drei Männer und acht Frauen eine Historische Erkundungsaufstellung (Hierka).
Wofür tun wir das?
Um uns nicht nur visuell durch die Kunstwerke, nicht nur kognitiv durch Vorträge, sondern auch auf einer Gefühlsebene mit dem Vergangenen zu verbinden und dabei auch zu erfahren, wieviel von den Vorurteilen, den Ängsten, der Scham und der Schuld dieser traumatisierenden Erlebnisse noch in uns wohnt. Wir nähern uns den drei Frauen und der Situation, der sie ausgesetzt waren. Am Ende bleibt eine Ahnung, dass auch wir heute in unserer ewig menschlichen Struktur leicht hineingelangen in das Ausgrenzen des Anderen, was wir so modern “Othering” nennen. Unseren Blick zu erweitern ist das Ziel, wir stehen als Stellvertreter:innen um zu ver-stehen.
Wie geht das?
Buchstaben liegen in der Mitte, jede:r der elf Anwesenden greift sich einen Buchstaben, fühlt sich ein und gibt dann den Gedanken, Gefühlen, Bewegungsimpulsen nach, die sich auf einmal einstellen. Denn hinter den Buchstaben stehen Begriffe, die für die Beteiligten zunächst unbekannt sind. Und dennoch entstehen Bilder in den Köpfen, Worte, Gefühle. Als die Begriffe zu den Buchstaben verraten werden, gibt es so manchen Aha-Effekt und keiner kann sich des Gedankens erwehren, dass die Bewegungen in der Gruppe nicht zufällig entstanden sind.
Es standen Stellvertretende für folgende Worte:
A – Die schweigende Mehrheit – Frauen
B – Die schweigende Mehrheit – Männer
C – Die drei Opfer: Ilse Möllers 1620, Hedwig Behrendt, geb. Müller 1660 und Marie Rinow, geb. Müller 1669
D – Anklagende und Zeugen aus den Dörfern
E – Liborius Eck / Rat
F – Der Pfarrer und die Kirche
G – Altes Heilwissen (Kräuter, Böten, positive Glaubenssätze) – steht für die weiße Magie
H – Flüche (Fluchen, Beschimpfen, negative Glaubenssätze) – steht für die schwarze Magie
I – die Produktion Hohenofen – Gründung von Neustadt
J – Prinz von Homburg
K – Das Neue
Während der Aufstellung
Wir sehen, dass “die weiße Magie” und “die schwarze Magie” sich unwillkürlich nebeneinander gestellt und versichert haben, sie gehörten zusammen. Die Vertreterin, die für “die Ratsherren” stand, schimpfte lautstark auf “die schwarze Magie”. Die “schweigende Mehrheit” freute sich über den Herbst, die “Opfer” waren isoliert und traurig und fühlten sich als Hexe, “die Denunzianten” hingegen fühlten sich als Opfer und sagten, sie seien genötigt worden zu den Aussagen. Die “neue Zeit” kam von außen mit Abstand in Form einer Stellvertreterin für den “Landgrafen von Hessen-Homburg” dazu und die Vertreterin für “die Kirche” stand am Altar und sah gelbes und blaues Licht und stand einfach da wie in Ewigkeit.
Aus dem, was wir bei der Aufstellung erlebt haben, ergeben sich für uns teilweise irritierende Fragen:
● Könnte es sein, dass die Kirche in Sieversdorf gar nicht so stark in die Hexenverfolgungen involviert war, wie wir das heute glauben, weil wir den fürchterlichen Hexenhammer aus dem 15. Jahrhundert im Kopf haben? Sondern, dass es die weltlichen Gerichte und der Scharfrichter waren, die den Prozess vorangetrieben haben – am Ende stand das juristische Gutachten aus Hessen.
● Könnte es sein, dass an so einem Hexenprozess viele Männer auch gutes Geld verdient haben – und auch das eine Rolle spielte?
● Könnte es sein, dass die Ratsherren damals unvorstellbar große Angst vor Schwarzer Magie hatten? “Du kommst mir hier nicht hoch, du bist Schuld, du hast uns das hier alles eingebrockt”, rief ihre Vertreterin – nicht ahnend, was hinter dem Buchstaben ihres Ansprechpartners stand.
● Könnte es sein, dass die Kraft positiver und negativer Glaubenssätze, die Kraft der Heilkräuter und Gifte und die Kraft des Betens und Fluchens zwei Seiten ein und derselben Energie sind?
● Könnte es sein, dass die Denunziation durch die Nachbarn nicht nur freiwillig geschah, sondern auf Druck und aus Angst?
● Könnte es sein, dass die vor 400 Jahren verfolgten Frauen heute auf eine Entschuldigung von Seiten der Kirche und der weltlichen Gerichte warten?
● Könnte es sein, dass diese Traumata in uns noch viel stärker rumoren, als wir glauben. Und dass heutige Frauen bei sich manchmal Blockaden und Ängste wahrnehmen, die mit den Hexenverfolgungen seltsam räsonieren?
● Könnte es sein, dass es auch deswegen dieses offizielle Schuldeingeständnis der kirchlichen und der weltlichen Macht braucht, eine Entschuldigung an alle Frauen, Männer und Kinder für diesen qualvollen Tod?
Hierka können das Erleben verstärken und manchmal irritierende Einblicke bringen, das war in der Kirche in Hohenofen spürbar. Nicht umsonst stehen diese Art der Erkundungsaufstellungen auch für das, was Julia von Grünberg, die sie entwickelt hat, „Heilsames Erinnern” nennt. Sie können im besten Fall kollektive Zusammenhänge erkennbar machen. Auflösen jedoch kann sie nur jede:r für sich selbst.
Zweite Hierka am 20. Oktober im Schloss Metzelthin

In einer zweiten Aufstellung haben wir ein paar Tage später einige Fragen betrachtet, die für uns offen waren. Dabei stand das “Neue” im Mittelpunkt.
Es zeigte sich, dass das “Neue” in die Gegend einzog mit dem Geld und der Energie der Margareta Brahe, der ersten Frau von Friedrich II. von Homburg, Hofdame schwedischer Königinnen, Witwe zweier bedeutender schwedischer Politiker aus der einflussreichen Familie Oxenstierna.
Diese alte, reiche Witwe aus allerbester schwedischer Familie heiratet 1661 einen jungen, adligen Nachzügler in Geldnöten, ein 7. Kind der kleinen hessischen Landgrafschaft Homburg. Sie weist die Mitbewerber ab und entscheidet sich für den 32 Jahre jüngeren Mann, einen kühnen Haudegen und Reitergeneral, der mit seiner eigenen Kompanie fünf Jahre für die schwedische Armee gekämpft hat und 1659 beim Sturm auf Kopenhagen sein rechtes Bein verlor.
Die beiden lernen sich am schwedischen Königshof kennen, wo Friedrich seine Verletzung über Monate zu schaffen macht. Er will nach Hause, nach Homburg, um sich zu kurieren, sein Schiff gerät in einen Sturm, sein Rettungsboot zerbirst, er ertrinkt beinahe, in seinem kaputten Bein entsteht Wundbrand. Er wird gerettet, überlebt die Entzündung und kehrt an den schwedischen Hof zurück, um einen finanziellen Ausgleich für seinen Einsatz einzufordern. Der schwedische Hof ist zahlungsunfähig. Doch 1661 heiratet Margareta Brahe ihn im königlichen Schloss in Stockholm. Sie hat keine Kinder, aber ein Vermögen, das sie ihrem jungen Mann neun Jahre später hinterlassen wird, als sie mit 66 Jahren stirbt.
Von ihrem Geld kauft Friedrich II. kurz nach der Hochzeit die Landschaft um Neustadt (Dosse) von Sieversdorf bis Bückwitz.
In diesen wenigen Ehejahren entsteht alles, was Neustadt (Dosse) nach über 350 Jahren heute noch besonders macht: das Gestüt, die Fabrik in Hohenofen, das Stadtrecht, die Dosseregulierung …
Neustadt bestand 1662 aus sieben Bauernhöfen, einer Mühle und einer Schmiede. Zwei Jahre später bekommt das Dorf vom brandenburgischen Kurfürsten das Stadtrecht. Das Paar gründet in Hohenofen eine Eisenerzverhüttung; eine Glashütte, eine Papierfabrik folgen. Die Dosse wird begradigt und zu einem Hafen erweitert und damit schiffbar gemacht, das Gestüt wird angelegt. Kolonisten werden angesiedelt, innerhalb weniger Jahre entwickelt sich das Dorf zu einer Stadt mit 50 neuen Familien, mit Arbeit für viele Menschen durch die frühe Industrialisierung – alles nach dem Muster, mit dem Margaretas Bruder Per Brahe als Generalgouverneur von Finnland kurz zuvor viele finnische Orte angelegt hatte.
Neustadt (Dosse) aber dankte nicht Margareta Brahe, sondern allein “Friedrich II. von Hessen-Homburg, dem Helden von Fehrbellin, durch dessen Gunst dem Orte am 24. August 1664 Stadtrechte verliehen wurden.” Und setzte einen großen Findling zu seinem Gedenken.
In unserer Aufstellung zeigt sich die Stellvertreterin, die für Margareta Brahe steht, enttäuscht, dass sie und ihre Leistung für die Region nicht gesehen wird.
1669 starb Margareta Brahe, im gleichen Jahr, in dem in Sieversdorf Marie Rinow verbrannt wurde – zwei Frauenschicksale an den beiden Enden weiblicher Biografien in der frühen Neuzeit, beide für 350 Jahre fast vergessen.
Könnte es sein, dass es an der Zeit ist, nicht nur an die armen, verbrannten Frauen des Amtes Neustadt (Dosse) zu erinnern, sondern auch an die starke Frau, an Margareta Brahe, die die heutige Form dieser Stadt und Gegend überhaupt erst ermöglichte?
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JULIA VON GRÜNBERG hat an der FU-Berlin Geschichte studiert, Bücher über deutsche Geschichte geschrieben und kombiniert heute ihre Arbeit als Heilpraktikerin und Therapeutin mit ihrem Wissen über die Vergangenheit im deutschsprachigen Raum. Dafür hat sie das Format der Historischen Erkundungsaufstellungen (Hierka) entwickelt. Das ist ein niedrigschwelliger Einstieg in heilsame Erinnerungsarbeit für Menschen auch ohne Vorwissen, die sich in einer Hierka kollektiven Traumata aus verschiedenen Jahrhunderten nähern können, ohne von ihrer eigenen persönlichen Geschichte erzählen zu müssen.
[Mehr Informationen hier.]
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RÜCKBLICK ZUR AUFSTELLUNG ZU DEN FRAUENVERBRENNUNGEN VON BRUNN, KÖRITZ UND SIEVERSDORF IN DER KIRCHE HOHENOFEN AM 4. OKTOBER 2025, IM RAHMEN DES KUNSTPROJEKTES „HEXE VON S.“
Um wen geht es?
Eine jüngere und zwei alte Frauen im 17. Jahrhundert, am Anfang und kurz nach dem 30-jährigen Krieg, in den Dörfern um Neustadt an der Dosse: Die Zeiten sind ärmlich und lebensgefährlich, das Land entvölkert. Sie fallen auf, weil sie laut sind, fluchen, sich wehren, sich um ihre Tiere kümmern und sie mit Pulver und Gebeten gesund machen. Angeblich richten sie Schaden an, sind am Unglück anderer Schuld und alle drei werden von ihren Nachbarn denunziert, leugnen und werden doch zum Tode im Feuer verurteilt.
Warum?
Weil sie unter der Folter gestehen, Hexen, Buhlen des Teufels zu sein, zaubern zu können und ihren Mitmenschen durch Zauberei geschadet zu haben.
Wer legt eigentlich fest, was eine Hexe ist?
Heinrich Kramer heißt der Mann, der Ende des 15. Jahrhunderts definiert, was er für eine Hexe hält. Als Dominikaner-Mönch Henrico Institor diktiert er Papst Innozenz VIII. in die Feder, dass es die Existenz von Hexen gibt und sie verfolgt werden sollen, um anschließend mit ebendieser Bulle von Innozenz VIII. die Verfolgung der Frauen loszutreten. Ihre Verurteilung vor den weltlichen Gerichten betreibt er mithilfe eines gefälschten juristischen Gutachtens, das für die verdächtigten Frauen Folter und Tod auf dem Scheiterhaufen empfiehlt. Dann schreibt dieser von Ängsten besessene Mann auch noch den Malleus Maleficarum, das Buch der “Hexenhammer”. Er nennt es nicht korrekter Weise Malleus Maleficorum, sondern nutzt die weibliche Form, um schon im Titel zu verdeutlichen: die Frauen mit ihrer zügellosen Sexualität seien die Buhlen des Teufels. Nun ist der Zeitgeist formuliert, dem Femizid der Weg gebahnt und mehr als 20.000 Menschen im deutschsprachigen Raum – zu über 85% Frauen in den protestantischen Gebieten, 60-70% in den katholischen – werden aufgrund dieser krankhaften Wahnvorstellungen in den folgenden zwei Jahrhunderten ermordet.
Warum mehr Männer in den katholischen Gebieten?
„Es könne unter anderem daran liegen, dass Martin Luther die Bibel übersetzt hat mit den Worten „Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen“, sagt er. In der katholischen Vulgata-Ausgabe dagegen heiße es dagegen „Zauberer“.“ (Dr. Kai Lehmann, Schlossmuseum Wilhelmsburg)
Ganz nahe hielten sich die Anklagen gegen die drei Frauen in Neustadt an das, was Heinrich Kramer im “Hexenhammer” formuliert hatte. Und erst nach ihrem Tod weicht der Hexenwahn, zieht eine neue Zeit ein in die Köpfe und in das Amt Neustadt an der Dosse. Eine Eisenhütte wird gegründet, ein Hafen wird gebaut, eine Glashütte, eine Papierfabrik folgen, viele neue Familien kommen dazu. Aufklärung und Bildung verdammen den Hexenwahn als Aberglauben. Das neue Urteil für Frauen, die aus der Reihe tanzen, lautet: Schwermut.
Aber diese drei Frauen: Ilse Möllers 1620, Hedwig Behrendt, geb. Müller 1660 und Marie Rinow, geb. Müller 1669 – wahrscheinlich alle aus einer Familie, sind die traurigen Todesopfer abwertender, patriarchaler Gedanken über Frauen an sich, ihre Kraft, ihre Stärke – und der überwältigenden Angst vor der Kraft schwarzer Magie.